
Das Wetter über Regensburg
Von Wissenschaft und Wetterfröschen
Kräht der Hahn am Mist, ändert sich das Wetter – oder es bleibt wie es ist! Zugegeben, der Spruch ist nicht ganz neu. Und doch beinhaltet er die ganze Bandbreite eines Phänomens, das die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigt. Wenn es um das Wetter und seine Vorhersage geht, prallen noch heute im Glauben vieler Menschen wissenschaftliche Messung und wundersame Mythologie aufeinander.
Das infernalische Szenario am Himmel hatte mich schon seit einiger Zeit fasziniert. Dicke Wolken schoben sich mit rasender Geschwindigkeit über- und ineinander. Immer wieder rissen Fetzen von hellen und dunkleren Schwaden ab. Aus der Mitte schlängelte sich plötzlich eine Art Rüssel hervor. Ich drückte auf den Auslöser der Kamera. Das war am 20. Juni 2009, um 20:15 und 11 Sekunden. Genau 21 Sekunden später zeichnete die Digitalkamera das zweite Bild auf – da war der ganze „Spuk“ fast wieder vorbei. „Da haben Sie wohl eines der seltensten Wetterereignisse fotografiert, die bei uns hier vorkommen“, sagt Wetterbeobachterin Anna-Maria Haider. Einen beginnenden Tornado über Regensburg. Ein „Funnel Cloud“, wie ihn die Wissenschaft exakt beschreibt.

Den Himmel fest im Blick
Seit 20 Jahren hält die berufsmäßige Wetterbeobachterin an der Wetterwarte Regensburg Ausschau nach dem Wetter. Luftdruck, Luft- und Bodentemperatur, Niederschlagsmenge und -art, Wind, Sichtweite, Wolkenbilder, Hagel und Schnee, ja sogar Radioaktivität in Niederschlag und Luftpartikeln werden hier am Sallerner Berg mit wissenschaftlicher Präzision erfasst, registriert und in das Gesamtnetzwerk der Wetterdaten eingebracht. Alle halbe Stunde greifen die Wetterbeobachter zur Sonnenbrille und suchen den Himmel nach visuellen Wettererscheinungen ab. Polarlichter haben sie aufgezeichnet, Lichthöfe, Haloerscheinungen wie Mond- und Sonnenhöfe, Regenbögen und Nebensonnen. Beobachtet wird allerdings nur bis Dienstschluss 17 Uhr. Der Tornado über Regensburg ging deshalb nie in die Wetterbeobachtung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ein.
Von Tornados und dem „Böhmischen“
Von wissenschaftlicher Seite her ist das Phänomen durchaus bekannt. „Von einer Funnel Cloud spricht man, wenn der Rüssel aus der Wolke herausragt. Dies ist ein Zeichen dafür, dass es eine Rotation in diesen Schichten gibt“, beschreibt der Diplom-Meteorologe Volker Wünsche, Leiter der DWD-Wetterbeobachtung in München, die seltene Erscheinung. Gefährlich wird es, wenn es darunter bereits Rotationen gibt und sich das Ganze mit seiner destruktiven Kraft bis zur Erdoberfläche fortsetzt.

Was hätten unsere Ahnen vor ein paar hundert Jahren wohl dazu gesagt? Ob damals schon beginnende Tornados zu beobachten waren? Hans Wax weiß (nicht nur) vom Wind viele Geschichten zu erzählen. Der stellvertretende Bezirksheimatpfleger und passionierte Liederbarde kennt das Oberpfälzer Liedgut wie kein anderer. „Hob i mein Woiz aufs Bergerl gsaat, Bergerl gsaat, hat ma’n da böhmische Wind vowaht. Böhmischer Wind ja i bitt di schöi, lass ma mein Woiz am Bergerl stöih…“, zitiert er ein altes Volkslied über den „Böhmischen“, der die Weizensaat verweht. Der „Böhmische“ zählt zu den ureigensten Wetterphänomen der Oberpfalz. Die Wissenschaft beschreibt ihn nüchtern als „böiger, kalter Fallwind, der die Kälte aus dem Böhmischen Becken“ nach Ostbayern bringt, nennt es „atmosphärischer Druckausgleich von Ost nach West“. Für die Menschen aber war er immer schon viel mehr: Im Winter ein Kältebringer, im Sommer verantwortlich für gute oder schlechte Ernte, für gedeckte Tische oder Hunger und Elend.

Mit dem Horn gegen den Wind blasen
Ebenso wie Blitz und Donner. Sie mussten im oberpfälzer Städtchen Waldmünchen einst vom Türmer mit einem Wetterhorn vom Kirchturm herab gemeldet werden. Die Töne aus dem schneckenförmigen Instrument sollten die Naturgewalten aus der Panduren-Stadt wegblasen und sollen sogar Streit mit Nachbargemeinden verursacht haben, wenn die Gewitter dort wieder einmal besonders heftig wüteten, während die Stadt im Talkessel verschont blieb.
Wissenschaft und Mythos
Die Wissenschaft vom Wetter stützt sich längst auf exakte Messmethoden und wissenschaftliche Beobachtung. Für eine seriöse Wetterprognose unabdingbar. Die Wetteraufzeichnungen aus dem Kloster St. Emmeram von 1771 bis 1827 zählen in diesem Sinne zu den ältesten durchgängig geführten meteorologischen Berichten Europas. Sie sind eng verbunden mit den Namen Coelestin Steiglehner, Placidus Heinrich und Ferdinand von Schmöger. Steiglehner wird gelegentlich sogar als „Vater der Meteorologie“
bezeichnet.
„Das Bedeutende der Regensburger Wetteraufzeichnungen ist die Tatsache, dass sie über einen so langen Zeitraum zusammenhängend vorhanden sind“, so Christoph Meinel, Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Regensburg. Nur die Bauernregeln reichen noch weiter zurück. Die Ernte war dem Wetter schutzlos ausgeliefert. So beobachteten die Bauern das Treiben am Himmel ganz genau und zogen ihre Schlüsse. „Regnet es am Siebenschläfertag, der Regen sieben Wochen nicht mehr weichen mag“. Wer hätte gedacht, dass der Sommer heuer trotz Sonnenschein am Siebenschläfertag so ins Wasser fallen würde.
„Es geht dabei nicht um den Tag, den 27. Juni, sondern um den Zeitraum Ende Juni“, erklärt der Meteorologe Volker Wünsche. Wenn sich Polarluft im Norden und tropische Warmluft im Süden gegenüberstehen, bilden sich an dieser „Polarfront“ häufig Tiefdruckgebiete, die von West nach Ost ziehen. Je nach Lage der Polarfront setzen sich mehr die Azorenhochs oder die Tiefdruckgebiete durch. Zur Siebenschläfer-Zeit hat die Polarfront ihre Position für den Sommer meist gefunden und lässt die dazugehörige Bauernregel in Bayern mit fast zwei Drittel Sicherheit zutreffen.
Und was ist mit dem Gockel?
Auch für den „Gockel auf dem Mist“ liefert die Wissenschaft eine Erklärung. Eigentlich heißt es nämlich: „Kräht der Gockel auf dem Mist, ändert sich das Wetter. Kräht er aus‘m Hühnerhaus, dann hoit‘s no acht Tag länger aus.“ Wenn die Luftfeuchtigkeit vor einem Wetterumschwung steigt, kommen Kleintiere und Insekten an die Oberfläche und die Hühner bleiben draußen, weil es dort zu fressen gibt. Dass der Gockel so gesehen gar nichts dafür kann, wenn er als Wetterfrosch missbraucht wird – was soll’s. Nicht nur Bauernregeln, auch Wettervorhersagen haben manchmal ihre Tücken.
